Kritik am Begriff „Geschlechtsidentität“

Der Begriff »Geschlechtsidentität« ist einer der am Häufigsten kritisierten Begriffe, wenn es um die Thematik Geschlecht und Geschlechtsvarianten geht.

Vorweg: Persönlich lehne ich mittlerweile den Begriff der Geschlechtsidentität zur Erklärung geschlechtsvarianter Menschen ab, auch wenn der Begriff sich im allgemeinen Sprachgebrauch und auch in der Gesetzgebung mittlerweile etabliert hat. Nicht, weil ich Menschen in Abrede stelle, sie verfügten über keine Geschlechtsidentität. Es geht mir vielmehr darum, dass in dem Begriff der Geschlechtsidentität die Gefahr der uneindeutigen Interpretierbarkeit lauert. Interpretierbar deshalb, weil es eine Vielzahl von Definitionen von Identität gibt. Und durch die Vielzahl der Definitionen besteht das Risiko, dass ich etwas anderes darunter verstehen kann, als Sie oder andere Menschen.

Über Identitäten haben sich viele Wissenschaften und Fachgebiete Gedanken gemacht und teilweise widersprüchliche Interpretationen und Definitionen hervorgebracht. Zu den frühen Identitätsdefinitionen trug u.a. der amerikanische Philosoph George Herbert Mead (1863-1931) in seinem Werk »Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist« bei. Er war es, der Identität und Bewusstsein unterschied. Nach Mead ist Identität eine Struktur, die sich aus dem gesellschaftlichen Verhalten entwickelt und nicht auf den subjektiven Erfahrungen des Organismus selbst. Neben der Philosophie hat auch die Psychologie Identität als Thema aufgenommen. Der Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson (1902-1994) entwickelte sein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung. Er hat sich ausführlich mit der Identitätsentwicklung des Menschen beschäftigt. Nach Erikson ist die Ich-Identität eine soziale Funktion des Ichs. Erikson transportiert Identität auf die Ebene eines Gefühls des inneren Sich-Selbst-Gleichsein. Talcott Parsons definiert Identität als, dem Rollenpluralismus eine angemessene individuelle Integration entgegenzusetzen. Erving Goffman sieht Identität als Strategie, das bedrohte Selbst zu schützen und unterstreicht dies mit der Aussage: „Wir alle spielen Theater“ (Abels 2017:7). Auch andere Psychologen haben sich dem Thema angenommen und sich an Definitionen versucht. Kurz zusammengefasst kann im Sinne der Psychologie behauptet werden, Identität beruht auf Unterscheidung, einem Wechselspiel von Abgrenzen und Dazugehören. Betrachtet man Identität aus dem Blickwinkel der Soziologie, so erkennt man schnell, dass hier andere Definitionen und Schwerpunkte gesetzt werden. Für den französischen Soziologen Pierre Bourdieu ist geschlechtliche Identität das Ergebnis einer Arbeit des Differenzierens, Unterscheidens und Klassifizierens, einer Arbeit, die aus Vereinseitigungen und Ausschließungen, aus der Unter­drückung alles Mehrdeutigen entlang dem binären Code männlich und weiblich steht (Eickelpasch/Rademacher 2004:98) Die wohl kritischste Theorie zur Identität stammt vom Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas. Er kritisiert die Rollentheorie und die von ihr dominierte Sozialisationstheorie als ausschließlich Normen befolgend und fördert eben keine reflexive Kompetenz (Abels 2017:8). Nach dem deutschen Soziologen und Pädagogen Lothar Krappmann (1993) wirken auch die Sprache bzw. Kommunikation allgemein, also verbal und nonverbal als Vermittler von Identität. Identität verändert sich von Situation zu Situation beim Aufeinandertreffen zweier oder mehrerer Individuen. Sie ist kein starres Gebilde (Abels 2017:9). Er formulierte den Satz: „Identität finden und überzeugend zum Ausdruck bringen, ist in einer problematischen Moderne, in der uns klare Orientierungen abhandengekommen sind, schwierig geworden“.

Sie kennen den Begriff Identität sicherlich auch noch in einem anderen Zusammenhang. »Die Identität des Täters konnte bisher nicht ermittelt werden.«, ein Satz, den man aus den Nachrichten kennt. In diesem Zusammenhang ist Identität als eine Sammlung von physischen, physiologischen, psychischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Merkmalen und Eigenschaften einer Person zu betrachten, die eine Person eindeutig identifiziert. Überprüft beispielsweise die Polizei eine Person spricht man von einer Identitätsfeststellung (siehe § 163b Abs. 1 Strafprozessordnung). Die Juristin Laura Adamietz definiert Geschlechtsidentität als das Zugehörigkeitsempfinden zu einem Geschlecht (in Schreiber 2019:143). Im deutschen Recht existiert zusätzlich noch der Begriff der »sexuellen Identität«. Er umfasst – juristisch – die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität (Adamietz; in Schreiber 2019:145).

Zieht man noch andere Bereiche wie die Pädagogik, die theoretische Philosophie (Ontologie), Theologie oder auch die Mathematik in den Kreis der Identitätsdefinitionen mit ein, erkennt man schnell: Wer den Identitätsbegriff verwendet, muss auch angeben, auf welche der verfügbaren Definitionen Bezug genommen wird. Ansonsten sprechen wir zwar vom selben Begriff, meinen aber unter Umständen etwas vollkommen anderes.

Was alle Identitätsdefinitionen gemein haben ist, dass sie im Wesentlichen auf einer fremdbestimmten Sicht aufbauen. Die Selbstaussage eines Menschen, zu seinem Geschlecht oder auch einer anderen Eigenschaft findet in Identitätsdefinitionen wenig bis keinen Platz. Umgangssprachlich wird Identität auch gerne als »zu etwas dazugehören wollen« oder »sich zugehörig fühlen« verwendet. Und gerade dieses »Wollen« oder »Fühlen«, dass Identität im Allgemeinen zum Ausdruck bringt, lässt es zu, dass andere Menschen mir nur unterstellen könnten, einem »anderen Geschlecht» anzugehören oder dass es sich um eine Art »Lifestyle« handelt. Durch die Verwendung des Begriffs »Identität« (z.B. in Transidentität oder Geschlechtsidentität) wird ein Wechsel der Identität, also dem »geschlechtlichen Zugehörigkeitsgefühl« suggeriert.  Geschlechtsvariante Menschen wissen jedoch, dass die Geschlechtszuweisung bei Geburt falsch war, sie haben sich das nicht ausgesucht und mit Sicherheit nicht gewünscht.

Deshalb bevorzuge ich, statt von einer Geschlechtsidentität, vom Geschlechtsbewusstsein, also dem instinktiven Wissen eines Menschen um sein eigenes Geschlecht, zu sprechen.

siehe auch: Die Verantwortung der Medien und Es geht nicht (nur) um Begriffe


  • Abels, H., 2017, Identität, 3. Auflage, Springer Fachmedien, Wiesbaden
  • Adamietz, L,/Bager, K., 2016, Gutachten: Regelungs- und Reformbedarf für transgeschlechtliche Menschen, Begleitmaterial zu Innenministeriellen Arbeitsgruppe Inter- & Transsexualität – Band 7. Berlin, Projektleitung: Dr. Sarah Elsuni, Lehrstuhl für Öffentliches Recht & Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin, Juristische Fakultät, Unter den Linden 9, 10099 Berlin,https://www.bmfsfj.de/blob/114064/460f9e28e5456f6cf2ebdb73a966f0c4/imag-band-7-regelungs–und-reformbedarf-fuer-transgeschlechtliche-menschen—band-7-data.pdf, Abruf 16.05.2019
  • Aronson, E./Wilson, T.D., Akert, R. M. (2014), Sozialpsychologie, 8. Auflage, (M. Reiss, Übers.) Pearson Studium, Hallbergmoos
  • Eickelpasch, R./Rademacher, C., 2004, Identität, transcript Verlag, Bielefeld
  • Schreiber, G. (Hrsg.), 2019, Das Geschlecht in mir, Neurowissenschaftliche, lebensweltliche und theologische Beiträge zu Transsexualität, Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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