Die Grundlage der Psycho-Pathologisierung

Ich möchte in diesem Beitrag, exemplarisch für viele andere, einen sogenannten »Experten« und dessen Aussagen bezüglich transsexueller Menschen vorstellen. Der deutsche Psychiater und Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch beschrieb in seinem Werk »Sexualität und Medizin« (1979) zwölf sogenannte Leitsymptome des Transsexualismus. Sigusch beeinflusste gegen Ende der 1970er Jahre maßgeblich die Formulierungen des deutschen Transsexuellengesetzes und gilt auch heute noch als einer der einflussreichsten Sexualwissenschaftler. Seine Leitsymptome finden leider auch noch heute bei der »Dignose Transsexualismus« Anwendung und beeinflussen das gesellschaftliche Bild von transsexuellen Menschen bis heute.

Im Leitsymptom 1 (S. 250) schreibt Sigusch:

»…Trotz oft erheblicher Realitätsverfälschung zeigen Transsexuelle normalerweise, d.h. außerhalb von Krisensituationen, keine wirklich psychotischen Symptome oder Reaktionen. (Ihre Intelligenz ist durchschnittlich, oft sogar überdurchschnittlich. Eine spezifische Beziehung zur allgemeinen kriminellen Delinquenz besteht nicht.)«

Weiter sagt Sigusch, dass Transsexuelle von einem Verlangen nach Geschlechtswechsel besessen sind, welcher in der Regel seit der Kindheit besteht und mit zunehmendem Alter immer intensiver, dranghafter wird und suchtartigen Charakter annehme (Leitsymptom 3, S. 251). Bereits in der Kindheit würden transsexuelle Menschen die Empfindungen und die Verhaltensweisen des anderen Geschlechts zeigen (Leitsymptom 5, S. 251). Das Tragen von Kleidern des anderen Geschlechts, das sog. »Cross-dressing« tritt laut Sigusch bereits bei Kindern auf und ist progredient, d.h. es nimmt mehr und mehr zu. Transsexuelle würde die perfekte Imitation aller Reaktionen, Ausdrucks- und Verhaltensweisen des „begehrten“ Geschlechts annehmen. Er gibt an, dass transsexuelle sogar das »Wasserlassen« (Miktion), des anderen Geschlechts imitieren würden (Leitsymptom 6, S. 251).

»Im Erwachsenenalter nehmen Transsexuelle einen Geschlechterrollenwechsel im privaten und beruflichen Bereich bis hin zur Heirat in der neuen Geschlechterrolle vor, nicht selten ohne irgendwelche ärztlichen Maßnahmen. Diese Transformation imponiert oft besonders durch die starre und klischeehafte Übernahme und Überzeichnung kulturell herrschender oder bereits überlebter Ideale von Männlichkeit oder Weiblichkeit.[1]«

Im Leitsymptom 8 sagt Sigusch, dass Transsexuelle eine starke Abwehr und Ablehnung der Homosexualität zeigen und den Wunsch haben, „makellose“ heterosexuelle Beziehungen eingehen wollen und Perversionen und perverse Manifestationen über eine längere Periode nicht vorkommen  (S. 252). Die nachfolgende Aussage (Leitsymptom 9, S. 252) von Sigusch lassen Sie sich bitte auf der Zunge zergehen:

»Im ärztlichen Gespräch wirken Transsexuelle kühl – distanziert und affektlos, starr, untangierbar und kompromißlos [sic!], egozentrisch, demonstrativ und nötigend, dranghaft besessen und eingeengt, merkwürdig uniform, normiert, durchtypisiert…  Bei oft gesten- und floskelreicher Redseligkeit wirkt der Patient stereotyp, monoton, fassadenhaft.[2]«

Wenn Sie jetzt glauben, schlimmer geht es nicht mehr, dann möchte ich Ihnen das Leitsymptom 10 nicht vorenthalten:

»Psychotherapie lehnen Transsexuelle ab. Kastration ist für sie eine natürliche Maßnahme… Sie geben dem Untersucher von Anfang an zu verstehen, daß [sic] er sich um nichts als ihre „Geschlechtsumwandlung“ zu kümmern habe. Krankheitseinsicht fehlt völlig… Ganz im Gegensatz zu den klassischen Perversionen macht der Transsexuelle sein Leiden öffentlich.[3]«

Jetzt haben Sie es fast geschafft, nur noch zwei Leitsymptome fehlen noch. Sigusch bescheinigt transsexuellen Menschen die Unfähigkeit zu zwischenmenschlichen Bindungen, weil ihnen

»Einfühlungsvermögen und Bindungsfähigkeit weitestgehend fehlen[4]«.

Transsexuelle unterliegen einer

»totalen Polarisierung im Sinne des Alles-oder-nichts, Ganz-oder-gar-nicht, Sofort-oder-nie« und dies würde »alle Erlebens- und Verhaltensbereiche«

betreffen[5]. Und wenn sie das nicht bekommen, so Sigusch, dann greift das Leitsymptom 12 (S. 252). Transsexuelle reagieren oft

»gereizt-aggressiv bis hin zu schweren Verstimmungen. Alle Transsexuellen weisen eine Tendenz zum psychotischen Zusammenbruch unter Streß [sic], in Krisensituationen auf. Ernstzunehmende Selbstmord- und Selbstverstümmelungsversuche kommen dann vor.«

Ich möchte es hier nicht weiter aufführen, was Sigusch neben polysymptomatischer Neurosen, polymorph-perverser sexueller Züge und chronisch, diffuser, freiflutender Angst (S. 262) noch alles ausführt.

Es ist an der Zeit, das Transsexuellengesetz aus den 1980er Jahren endlich durch ein menschenwürdiges und diskriminierungsfreies Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen.


Sigusch, V. (1979). Sexualität und Medizin. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, S. 250
Sigusch, V. (1979). Sexualität und Medizin. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, S. 251
Sigusch, V. (1979). Sexualität und Medizin. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, S. 252
Sigusch, V. (1979). Sexualität und Medizin. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, S. 253

[1] Sigusch 1979, S. 251
[2] Sigusch 1979, S. 252
[3] ebd.
[4] ebd.
[5] Sigusch, Leitsymptom 11, S. 252